Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf – Interview

Robert Saugspier hat Bernhard Schmid zum Thema „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf“ interviewt.

Robert Saugspier ist Mitglied des Mitspracheteams der Lebenshilfe Wien und des SelbstvertreterInnen-Beirats der Lebenshilfe Österreich. Er arbeitet schon seit über 40 Jahren bei der Lebenshilfe Wien, unter anderen als Reporter der Zeitschrift „Querdenker“.

Bernhard Schmid, selbst Vater eines 31-jährigen Sohnes mit hohem Unterstützungsbedarf, setzt sich seit über zehn Jahren intensiv speziell dafür ein, dass Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf innerhalb der Lebenshilfe und der Gesellschaft österreichweit mehr gehört, gesehen und berücksichtigt werden.

Was bewegte Robert Saugspier zum Interview: „Wir haben schon lange mit Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf zu tun, z.B. bei den Wahlen zum Werkstatt-Rat, in den KundInnen-Workshops unseres Leitbild-Prozesses oder bei KundInnen-Seminaren wie z.B. „Wie sage ich meine Meinung?“ Ich kenne Bernhard Schmid schon lange, und er macht auch das Projekt „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf sichtbar machen“ mit unserem Mitsprache-Team. Daher wollte ich ihn zum Thema befragen, denn wir können ExpertInnen-Wissen dazu für unsere Arbeit gut gebrauchen!“

Hier folgt das Interview, welches Robert Saugspier im Frühjahr mit Bernhard Schmid geführt hat:

  1. Wie lange setzt du dich schon für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ein?

Ich begleite meinen Sohn mit Down-Syndrom schon seit über 30 Jahren. Bei der Lebenshilfe bin ich seit 17 Jahren angestellt, vorher war ich schon 10 Jahre im Vorstand.

  1. Wie bist du auf das Projekt „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf“ gekommen?

Ich möchte Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf sichtbar machen! Denn heute ist es oft so: damit sie rauskommen in die Gesellschaft, braucht es eine passende Begleitung, ein Fahrzeug und barrierefreien Zugang z.B. ins Theater oder ins Restaurant. Wenn das fehlt, bleiben die Menschen oft zu Hause und unsichtbar. Dafür haben wir mit dem Mitsprache-Team der Lebenshilfe ein inklusives Redaktions-Team gegründet.

  1. Warum hast du so viel Erfahrung mit Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf?

Ich habe über meine Familie und in der Lebenshilfe in den Jahren schon viele Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf kennengelernt. Diese Menschen sind sehr unterschiedlich: die einen sitzen im Rollstuhl und brauchen viel Pflegeunterstützung, andere können nicht mit Worten sprechen oder nicht mit Zahlen oder Geld, Vergangenheit oder Zukunft umgehen. Andere wiederum verhalten sich unruhig und können andere und sich selbst bedrohen.

  1. Wie viel Zeit verbringst du für das Projekt?

Unser Redaktionsteam hat sich vorgenommen, drei- bis sechsmal im Jahr Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf auf ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Wohnung zu besuchen. Für Planung, Durchführung und Artikelschreiben rechne ich insgesamt mit rund zehn Stunden Zeitaufwand pro Besuch.

  1. Wie reagieren Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, wenn sie mit anderen Menschen zu tun haben.

Die Menschen sind unterschiedlich, und reagieren auch unterschiedlich in verschiedenen Situationen. Menschen, die viel erzählen wollen, brauchen geduldige ZuhörerInnen und Ablenkung. Menschen, die sich in Gruppen unwohl fühlen, sollen auch alleine bleiben können. Wenn langjährig vertraute Personen gehen und neue KollegInnen oder BetreuerInnen kommen, dann ist das für manche schwer, andere freuen sich über neue Gesichter.

  1. Werden die Treffen auch von KundInnen mit hohem Unterstützungsbedarf mitgeplant?

Es gibt jedes Mal ein eigenes Vorbereitungstreffen mit den Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, um Vertrauen zu schaffen für die weitere Zusammenarbeit. Die BezugsbetreuerInnen helfen mit, den Menschen besser kennenzulernen und herauszufinden, wobei wir den Menschen genau begleiten können.

  1. Machen Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf viel von sich selbst?

Jede und jeder soll Sachen selbst machen, so gut sie oder er kann, Unterstützung ja, aber nur, wenn sie oder er sie wirklich wünscht. Zum Beispiel einem Menschen, der nicht gut greifen kann, einen Plastikbecher mit großen Griffen und Trinkverschluss zum Selbsttrinken zu geben. Oder neben meinem Sohn sitzen und ihm Anleitung und Bestätigung beim Anziehen zu geben.

  1. Gibt es auch Veranstaltungen für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, damit sie sichtbar werden?

Es gibt Veranstaltungen speziell für Menschen mit Behinderungen, auch mit hohem Unterstützungsbedarf, z.B. veranstalte ich selbst Konzerte im Schutzhaus Schmelz. Die Menschen und ihre Bezugspersonen sind zwar unter sich, aber das Haus ist frei für alle zugänglich. Oder: mit dem Kulturverein Ich bin O.K. können Menschen auch mit hohem Unterstützungsbedarf zu Musik tanzen und vor Publikum auftreten. Und wenn Kulturveranstaltungen allgemein barrierefrei sind, können auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf teilnehmen und sichtbar werden.

  1. Wie findest du es von Beginn bis jetzt die erarbeiteten Sachen und die Vorteile beim Projekt „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf?“

Wir haben bisher drei Besuche an verschiedenen Standorten gemacht. Wir haben darüber im Internet berichtet:
https://www.lebenshilfe.wien/unsere-intensivgruppe-im-prater/
https://www.lebenshilfe.wien/ein-nachmittag-mit-norbert-langenecker/
https://www.lebenshilfe.wien/beschwingtes-kochen-in-der-intensivgruppe/
Damit haben mehr Menschen eine Vorstellung bekommen, dass auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf etwas können und nicht so viel anders sind als man selbst. Auch was BetreuerInnen alles leisten, haben wir dargestellt.

  1. Was könnte man bei dem Projekt noch verbessern?

Die Artikel über unsere Besuche sollten noch inklusiver erarbeitet werden, auch wenn es mehr Zeit braucht. Und ich möchte auch einmal Menschen begleiten und sichtbar machen, die besonders schwer zugänglich oder sehr unruhig sind.

  1. Wie lange soll das Projekt „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf“ noch dauern?

Das Projekt ist dann zu Ende, wenn Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf im Restaurant, im Theater, am Sportplatz, also überall, dabei sind. Solange das noch nicht selbstverständlich ist, muss das Projekt weiterlaufen!

6. Juli 2023/bs-lhw

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