Selbstvertreter-Kongress: Wir setzen uns für KollegInnen ein!

Über 100 Menschen mit Lernschwierigkeiten tauschten sich vom 19. bis 21. Juni 2018 auf dem 11. Selbstvertreter-Kongress der Lebenshilfe in Wien zum Thema Mitsprache in Behindertenorganisationen aus. Im Mittelpunkt standen die Aufgaben und die Anforderungen von SprecherInnen in Werkstätten und Wohngemeinschaften und die Rahmenbedingungen, die es für eine gute Vertretung der Kollegenschaft braucht.

„Jede Person muss gehört und ernst genommen werden, wenn es um die eigene Vertretung geht“, betonten die SelbstvertreterInnen aus ganz Österreich. Mit finanzieller Unterstützung der Arbeiterkammer Wien, Helvetia und der Wiener Lokalbahnen organisierte diesmal das Mitsprache-Team der Lebenshilfe Wien die Veranstaltung im Kardinal-König-Haus. Die SprecherInnen, auch Räte genannt, aus allen Bundesländern arbeiteten zwei Tage lang intensiv in Kleingruppen am Thema. Stimme für alle zu sein, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, darüber waren sich alle einig. Es waren Tage des voneinander Lernens, des gemeinsamen Überlegens und Netzwerkens. Am Schluss präsentierten alle ihre Ergebnisse dem Publikum, darunter den GeschäftsführerInnen und PräsidentInnen der Lebenshilfen sowie Gästen aus Politik und Wirtschaft und des Fonds Soziales Wien.

Mitsprache bedeutet Mitentscheidung

„Nichts über uns ohne uns“ ist der Grundsatz der Selbstvertreter-Bewegung. Menschen mit Behinderungen nehmen am Tagesgeschäft und –geschehen der einzelnen Organisationen teil und treiben ihre Themen gemeinsam voran. Mitbestimmen, wenn es um alltägliche Punkte, wie Essensbestellungen, Hausregeln, Urlaubsaktionen, aber auch um größere Veränderungen geht. „Wir stehen fest im Leben und bleiben dran, geben nicht auf“, so der Tenor der SelbstvertreterInnen. Es gilt Möglichkeiten der Mitsprache und Mitbestimmung auszubauen. Personen, die eine Sprecherrolle in einer Werkstätte oder in einer Wohngemeinschaft übernehmen, benötigen Schulung, Training und Unterstützung von ihrer Umgebung. Diese Aufgaben übernehmen ebenfalls Menschen mit Lernschwierigkeiten in den Vereinen. Unterstützungspersonen und die Geschäftsführung begleiten. Wichtig dabei sind Informationen in leichter Sprache, ein regelmäßiger Austausch mit den Führungskräften und genügend Zeit und Raum, um die Vertretungsrolle ausführen zu können.

Der Aufbau von Werkstatt- und Wohnhausräten bzw. SprecherInnen ist an den Standorten der Lebenshilfen schon weit fortgeschritten. Dass der 11. Selbstvertreter-Kongress unter dem Zeichen der gemeinsamen Arbeit an Lösungen für gute Vertretungsarbeit gestanden ist und nicht nur Forderungen auf der Tagesordnungen standen, freute Univ.-Prof. Dr. Germain Weber, Präsident der Lebenshilfe Österreich. Eine positive Entwicklung von der Selbstbestimmung hin zur Selbstverantwortung. Es gelte jetzt, nicht nur Mitsprache, sondern auch die Möglichkeit der Mitentscheidung in den jeweiligen Vereinsstrukturen zu verankern, ergänzte Weber.


Behindertenanwalt würdigt Einsatz

Behindertenanwalt Dr. Hansjörg Hofer gratulierte den österreichischen SelbstvertreterInnen zu ihrer Arbeit „Wenn Menschen mit Behinderungen sich zusammenschließen, bringen sie ihre Anliegen voran und können ihre eigenen Interessen vertreten. Die Werkstatt- und Wohn-Räte sind dafür der beste Beweis“. Er forderte, dass Menschen mit Behinderungen Lohn für ihre Arbeit erhalten und selbst versichert sind. Erwachsene definieren sich sehr oft über ihren Job, das gilt auch für Menschen mit Behinderungen. Die rechtmäßige Entlohnung ist ein Bestandteil, sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu fühlen.

Mitspracheteam der Lebenshilfe Wien als Gastgeber

Innerhalb der Lebenshilfe in Wien ist das Mitsprache-Team, die Klienten-Gruppe MiT, für den Aufbau von Vertretungen in den Werkstätten und Wohngemeinschaften zuständig. Seit Anfang 2017 waren die sieben SelbstvertreterInnen zusätzlich mit der Planung und Durchführung des Kongresses betraut. Sie gestalteten das Programm, übernahmen die Registratur der Teilnehmer, die Organisation der Veranstaltung sowie die Moderation vor Ort. Dipl.-Ing. Stefan Sedlitz, Präsident der Lebenshilfe Wien, würdigte in seinen Worten, dass die SelbstvertreterInnen die gesamte Organisation des Kongresses erstmals in eigene Hände übernommen haben, und schloss die Veranstaltung mit großem Dank an alle mitwirkenden SelbstvertreterInnen und Unterstützerinnen.

 

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